Rüdiger hat neulich so schön über sein erstes Auto berichtet – etwas, dass ich auch schon länger mal vor hatte. Nun passt ein solcher Beitrag schön in die Reihe, die Dreibein begonnen hat, und ich bekomme endlich den Hintern hoch mit meiner Bloginternen Reihe „Meine Schrottkisten“ „meine Fahrzeuge“ anzufangen. Ich bin kein Autofreak und definiere mich nicht über das, was mich durch die Gegend schuckelt. Aber an Fahrzeugen hängen Erfahrungen und Erinnerungen, und die sind es durchaus wert dokumentiert zu werden.
Mein erstes Auto war nicht mein erster motorisierter Untersatz. Ich war mit Leib und Seele Biker, meiner Honda wurde HIER schon gehuldigt. Aber Moppedfahren im Winter ist doof, weshalb wir damals die Tradition der Winterautos fröhnten. Man kaufte im Spätherbst ein altes Auto für ein paar hundert Mark, fuhr das bis April und verkaufte es dann wieder. Oder man brachte es gleich in die Presse. Ja, damals ging sowas.
Ich war 18 und es war Spätherbst, als die Honda und ich durch das Leinetal brausten. Auf einer Wiese bei einem Bauernhof sah ich plötzlich IHN. Einen waschechten Volvo der 340er-Serie, im Prinzip der kleine Bruder der damals überaus beliebten Kombi-Schlachtschiffe. Ich hielt das Motorrad an und beglotzte wie verzaubert den Wagen. Ich wusste, was das für ein Wagen war. Einer meiner Klassenkameraden fuhr einen solchen Volvo, und mal abgesehen davon, dass der Kollege nicht mehr alle Latten am Zaun hatte, hatte ich die Kiste schon kennenlernen dürfen und wusste was sie konnte.

Quelle: Volvo-Werbung. Hier der DL 345, die Fünftürer-Luxus-Version
Es handelte sich um einen Volvo GL 343, ein recht skurriles Fahrzeug. Das fing beim Motor an, der von Renault stammte und dem TÜV bei der AbgasSonderUntersuchung (die hiess damals noch so, heute heisst sie AU) die Tränen in die Augen trieb. Grund: Der Vergaser war geschwindigkeitsabhängig über ein System von zwei Klappen gesteuert. Er liess ich schlicht nicht per Hand einstellen, dass ging nur im Werk. Beim Fahrwerk gingen die Merkwürdigkeiten weiter, denn der Wagen war hinten über Kutschenfedern und nicht über normale Öldruckstoßdämpfer gefedert. Das erlaubte in Kombination mit dem Heckantrieb spektakuläre Kurvenfahrten – allerdings war das auch spektakulär gefährlich, wenn man nicht wusste, was man tat. Und ich kam frisch aus der Fahrschule. Aber dazu weiter unten mehr.
Auch am Rest des Fahrzeugs hatten die Ingenieuere ihre Fantasie angestrengt. Die Rückbank war 15 Zentimeter höher als die Vordersitze, man thronte also im Font. Die Belüftung kannte einzeln einstellbare Klimazonen (rechts, links, hinten). Das Reserverad war unter der nach vorne öffnenden Motorhaube versteckt, der Kofferraum dadurch riesig. Bequem war der Volvo auch: Standardmäßig waren beste Recarositze verbaut, eine Wohltat für den Rücken, besonders nach langen Arbeitstagen.
Und schwer war der Wagen. Woher das kam, durfte ich später auf die unsanfte Art erfahren.
Ich weiß nicht mehr, ob der Wagen an jenem Tag im Spätherbst 1993 schon zum Verkauf stand oder ob ich die Bauern überredet habe. Ich kann mich echt nicht mehr erinnern.
Ich weiß nur noch, dass ich an jenem Nachmittag nach Hause kam, und meinen Eltern freudestrahlend berichtete, dass ich gerade für 1.000,- Mark mein erstes Auto gekauft hatte und wir das so bald wie möglich abholen müssten.
Die Reaktionen waren harmlos desinteressiert. Meine Eltern sind herzensgute Menschen, die nie viel Geld hatten. Wenn ich etwas haben wollte, dass über den Grundbedarf hinausging, so musste ich mir das selbst erarbeiten. Und das tat ich, seit ich 14 war. Mit 18 bastelte ich gerade an meinem Abi rum und hatte nebenbei vier Jobs, was mir eine Liquidität in einer Höhe einbrachte, von denen Auszubildende nur träumen konnten. Meine Eltern wussten also, dass ich ihnen mit dem Autokauf nicht auf der Tasche liegen würde, und deshalb war es ihnen mehr oder weniger egal. Mein Vater war nur froh, dass ich meine ersten Unfälle mit meinem eigenen Auto und NICHT mit seinem machen würde. Das entrüstete mich zwar nicht wenig, aber er sollte recht behalten – der Volvo hatte einiges zu erleiden.

Nach 4 Jahren trennte uns der TÜV. Die Bodenbleche waren durchgerostet. Der Wagen stand noch fast 11 Jahre bei meinen Eltern, weil ich mich nicht davon trennen wollte. Und zu geizig war, einen Abschleppdienst zu bezahlen.
Gott, habe ich den Wagen gemocht.
Hier die besten Anekdoten rund um den Volvo:
Der alte Mann und der Graben
Bereits nach wenigen Wochen legte ich ihn auf die Seite – die Kombination aus ungewohnt starken 75PS (aus der Fahrschule kannte ich nur die Kraft von 50 Diesel-PS, das ist kein Vergleich), den Blattfedern, dem Heckantrieb und Rauhreif auf Kopfsteinpflaster beförderten uns postwendend in einen Strassengraben. Währen ich noch fluchend aus dem Graben kletterte, stand plötzlich ein älterer Mann am Strassenrand, grummelte was von „schon wieder einer“ und verlangte Geld. Dann zog er los und holte seinen Trecker. Der Rand des Grabens war gespickt mit Resten von Radkappen und Bruchstücken von Scheinwerfern und Außenspiegeln – anscheinend machten an der Stelle dauernd Autos einen Abgang, was dem Alten eine lukrative Einnahmequelle sicherte. Der Trecker zerrte den hilflosen Volvo schnell aus dem Graben. Er kippte zurück auf seine vier Räder und war wieder fahrbereit. Schaden: Ein abgerissener Spiegel auf der Beifahrerseite. Sonst nichts. Nicht mal ein Kratzer.
An einen Baum gesetzt
Einen großen Schreck jagte mir einmal meine Mutter ein. Sie wollte den Volvo umparken – und kam und kam nicht wieder. Plötzlich stand sie atemlos vor mir „Ich habe Deinen Wagen vor einen Baum gefahren…“ „WAS?!“ „…ja, bis 10 cm davor, und jetzt bekomme ich den Rückwärtsgang nicht rein!“
Später setzte ich den Wagen rückwärts gegen einen Baum. Der Baum fiel um. Der Wagen hatte eine Beule im Stossfänger. Das die von einem Baum war, erzählte ich der Pelzmanteltragenden Mercedesfahrerin nicht, die mir an einem Stopschild hinten reingefahren war. Das gab immerhin 750 Mark von ihrer Versicherung. Party!
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